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An Herrn Hannes Räuberli
Spandau Gefängnis
Berlin
Germany

21 August 2013

Lieber Hannes

Es tut mir wirklich leid zu hören, dass sie Dich für Deinen Bankraub in Grünewald wieder auf zehn Jahre eingebucht haben.  Ich habe Dir immer wieder gesagt:  lass die Finger davon, es bringt wirklich nichts, sich mit strafbaren Taten den Lebensunterhalt zu verdienen.  Siehe mich an, seitdem ich Investment Banker geworden bin, geht es mir so gut wie nie zuvor.  Bankräuber ist “out”, Banker ist “in”.

Dabei erinnere ich mich oft an unser Husarenstück damals in Opladen.  Die zwei Monate Vorbereitung, wieviel Banken wir damals nicht genaustens untersucht haben bevor wir uns für die Bank in Opladen entschlossen haben:  Lage der Bank im Stadtumfeld, Fluchtwege, Inneneinrichtung, Sicherheitskameras, Alter und Zusammenstellung des Personals, Anzahl der Kassierer, lage des Tresors.  Als wir dann das Fluchtauto gestohlen haben und die Polizei uns anhielt und nachDeinem Führerschein fragte, wie dir da die Muffe ging, und dann am Tag des Überfalls, da kann ich mich noch genau an die verschreckten Augen der Kassierer und der Kundschaft erinnern, als wir ihnen das Geld abnahmen. 

Und was ist nach all diesem Aufwand dabei rausgekommen, fast nichts, nur Euro 180 000,00, und auch die durften wir nicht gleich ausgeben, um nicht aufzufallen.  Es war doch eigentlich ein Scheiss Spiel;  viel Stress und wenig Kohle.  Da bin ich doch heute ganz anders dran.

Wie Du weisst, habe ich damals drei Monate nach unserem Überfall beschlossen, doch lieber den legalen Weg zu gehen und bin Banker geworden.  Ich habe mich gleich bei den Investment Bankern in unserer Firma gemeldet und ehrlich gesagt, ich habe es nie bereut.

Ich sitze jetzt hier im 45. Stock unseres neuen Verwaltungsgebäudes in Frankfurt in meinem eigenen 35 Quadratmeter Büro mit wunderbarer Aussicht auf Frankfurt und den Taunus.  Die Wände meines Büros sind holzgetäfelt, auf der rechten Seite steht eine grosse Ledergarnitur als Sitzecke, dann die kleine Hausbar und hier links am Fenster mein grosser Schreibtisch aus Rosenholz und Granit.  Unten in der Tiefgarage steht mein Maybach Mercedes, von dort bin ich in 30 Minuten in meiner Villa im Taunus.  Im Vorraum meine blonde 22-jährige Sekretärin, die mir um Punkt 11 Uhr den Kaffee macht und ihn mir mit einem halben belegten Brötchen auf einem echt silbernen Tablet bringt.

Wir Investment Banker verwalten die Investment Fonds unserer Bank.  Ich persönlich bin verantwortlich für den Biotechnologie Fonds, in dem sich ein Vermögen von immerhin 2,38 Milliarden Euro befindet.  Meine Aufgabe ist es, dieses Geld in Aktien von Firmen, die im Biotechnologie- und Pharmabereich tätig sind, anzulegen.

Meine eigentliche Aufgabe, also das kaufen und verkaufen von Aktien, erledige ich in einer halben Stunde am Vormittag zwischen 9 Uhr und 9:30, in dem ich unserem Börsenmakler telefonisch Bescheid gebe welche Aktien er kaufen und welche er verkaufen soll, und in dem ich danach die schriftliche Bestätigung der Transaktion in Empfang nehme und weghefte und gleichzeitig überprüfe ich, ob die am Vortag gekauften Aktien auf unser Konto elektronisch abgeliefert wurden.

Wie Du sicher weisst, gibt es keine Aktienzertifikate mehr, sondern nur noch elektronisch überwachte Konten auf denen die Aktien hin und her überwiesen werden, ähnlich wie es mit dem Geld auf der Bank passiert.  Den Rest des Tages verbringe ich damit, mich zu informieren.  Ich lese die Finanzzeitung, die Börsenberichte weltweit, ich spreche mit den Analysten der grossen Börsenmaklerfirmen und ich fahre zu den Jahreshauptversammlungen der Firmen in denen wir Aktien haben, oder auch mal zwischendurch zu einem Informationsbesuch. 

Wenn ich nach Amerika oder Japan fliege, selbstverständlich nur erste Klasse, es werden meist ohnehin alle meine Reisekosten von den Firmen getragen, die mich zu diesen Informationsgesprächen einladen.  Zu den Anlegern, die Leute also, die uns die 2,4 Milliarden Euro ihres über Jahre zusammengesparten Geldes anvertraut haben, unterhalte ich so gut wie keinen Kontakt.  Die bekommen einmal im Jahr ein computergedrucktes Formular, auf dem steht, um wieviel ihre Geldanlagen im abgelaufenen Jahr gestiegen oder – in der letzten Zeit öfter – geschrumpft sind.  Im letzten Jahr haben die Aktien meines Fonds alleine Euro 13 149 141,48 an Dividenden ausgeschüttet;  die haben wir natürlich alle gleich als Vergütung für unsere Arbeit kassiert.  Bei mir kam das auf etwa Euro 1 Million im Monat – natürlich viel zu wenig für mich – das ist ja weniger als ein Fussballspieler verdient. Ich habe sofort Protest angemeldet und wir Fondsmanager haben dann beschlossen noch einen kleinen Zuschlag aus dem Topf zu nehmen.  In meinem Fall handelte es sich um eine Summe von Euro 10 885 715,00 die die Anleger aus dem bei uns investiertem Kapital für unsere Verwaltungskosten zuschiessen mussten.  Für diese zusätzliche Abschöpfung hat unsere PR Abteilung uns empfohlen, dieses bei jedem Anleger entstehende Negativresultat als “Thesaurierung von Investmentträgern” zu bezeichnen, da entsprechend ihren Marktnachforschungen bei so eine Formulierung 78% der Anleger nicht verstehen was damit gemeint ist.

So kommt es dass ich jetzt für meine Arbeit von den Anlegern eine jährliche “Verwaltungsvergütung” von Euro 24 034 856,94 kassiere, also rund DM 48 Millionen Mark.  Dafür müsste man schon ziemlich viele Banken ausrauben, ehe man so eine Summe zusammen bekommen hat.  Es lohnt sich eben doch, den legalen Weg zu gehen.

Mit unseren Anlegern haben wir eine wunderschöne Aufgabenteilung zum Tragen gebracht:  sie tragen das Risiko und wir machen das Geld.  Euro 24 Millionen für uns sind natürlich nicht genug.  Wir verlangen ausserdem noch eine kleine “Depotgebühr”, dass heisst dafür, dass die Zahlen der erworbenen Aktien auf der Kontoseite unseres Laptops verweilen dürfen, eine Summe von Euro 229 201,00 und dann natürlich noch die “Depotbankvergütung” von Euro 1 028 046,00.  Hinzu kommen die “Berichtserstattungskosten” von Euro 178 080,00.

Ich hatte vergessen zu erwähnen, dass wir einmal im Jahr für alle 36 Fonds unserer Bank einen gemeinsamen Bericht schreiben.  Der Anteil meines Fonds an diesem Bericht besteht aus einer halben Seite Text, einer schematischen Darstellung, die aufzeigt aus welchen Fachgebieten sich die Aktienstruktur des Fonds zusammensetzt, und einer Aufstellung der Aktienpakete im Besitz des Fonds, Verkäufe und Zukäufe, Gesamtwert und Unkosten.  Zwei Tage muss ich im Jahr dafür einsetzen, diesen Bericht zu erstellen, und deshalb ist die Honorarforderung für diese Arbeit von Euro 178 080,00 – etwa zwei mal soviel wie wir bei unserem Bankraub in Opladen ergattert haben – mehr als gerechtfertigt.  Dieser 5-seitige Bericht von mir wird natürlich von einem unabhängigen Wirtschaftsprüfer geprüft, dafür verlangt er “Prüfungskosten” von Euro 45 385,00 die wir den Anlegern ebenfalls debitieren müssen.

Warum der Prüfer so viel Geld bekommt, ist mir schleierhaft, denn selbst grosse Fehler in meiner Berichtserstattung sieht er gar nicht.  So habe ich im letzten Jahresbericht geschrieben (“Die Firma) Amgan behielten wir als grösste Position des Fonds bei.  Für sie sprach die Zulassung zweier bahnbrechender Medikamente für Dialyse – Patienten und für bestimmte Rheumaleiden in den Vereinigten Staaten.  Ausserdem gewann das Unternehmen einen wichtigen Patentrechtsstreit.”  Diese Aussage in meinem Bericht wurde von den Prüfern durchgelassen, obwohl wir in Wirklichkeit 1 400 000 Aktien der Firma Amgan verkauft haben – fast die Hälfte unseres Bestandes – für immerhin etwa US$81 Millionen.  Wir haben also drei mal mehr Aktien von genau dieser Firma verkauft als von irgend einer anderen Firma in unserem Portfolio.

Das Schöne in meinem Beruf als Investmentbanker und Verwalter von einem Investmentfonds ist, dass Du praktisch keinen hast, der Dir über die Schulter schaut.  Man braucht den Anlegern nicht in die erschrockenen Augen zu blicken, wenn man ihnen das Geld wegnimmt.  Also nicht so wie damals bei unserem Bankraub, als ich doch ein bischen Mitleid hatte, als die alte Tante, der ich noch das Portemonnaie mit Ihrer gesamten Rente weggenommen hatte, sich hinsetzte und zu weinen anfing.  Das ging mir dann schon ein bischen unter die Haut.  Von all dem spürst Du hier in 45. Stock unseres Büro-Palastes nichts.  Nur ein “Klick” im Computer und wir nehmen uns was wir haben wollen, Euro 25,5 Millionen insgesamt.  Bei uns gibt es keine Aktionäre, die dumme Fragen stellen, keine Börsenaufsichtsbehörde, die in unseren Finanzdokumenten herumschnüffeln, keine Gesetzesregelungen über das was im Finanzbericht stehen muss, und wohlmöglich noch die Forderungen nach mehr Transparenz.  Die Anleger sind für uns nur Zahlenpakete ohne Gesicht und Herz – wie die Aktien selbst. 

Da ich ja ziemlich viel Zeit benötige um mein eigenes Vermögen zu verwalten, habe ich es mir mit der Verwaltung des Fonds etwas leichter gemacht.  Ich kaufe und verkaufe immer wieder dieselben Aktien.  Im letzten Jahr habe ich nur vier neue Firmen hinzugenommen, obwohl ich 45% des Aktienbestandes umgesetzt habe, also gekauft oder verkauft habe.  So habe ich zum Beispiel von der Firma “IM Clone Systems” 790 000 Aktien verkauft und wieder 600 000 eingekauft.  Bei Protein Design habe ich 940 000 Aktien verkauft und 800 000 wieder gekauft.  In meinem halbseitigen Bericht erwähne ich natürlich nicht diese Politik und auch nicht ob ich an diesen Transaktionen Gewinne oder Verluste gemacht habe.  Die Anleger würden ohnehin nicht gut schlafen wenn sie wüssten wie wir mit ihrem Geld hin und her jonglieren und welche Risiken wir dabei nehmen.

In dem Bericht, so sagt mein Chef, genügen ein paar makige Sätze, die nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun haben müssen, denn unsere PR Abteilung hat durch ihre Marktforschung festgestellt, dass 88% der Anleger die Berichte, besonders wenn sie in dicken Büchern erscheinen, gar nicht lesen.  Die restlichen 12% der Anleger lesen den Bericht, aber nicht das dazugehörende Zahlenwerk.  Deshalb haben wir alle Fondberichte in eine Veröffentlichung zusammengepackt.  In meinem Bericht habe ich das reingeschrieben, was sich wie ich meine, gut und tatkräftig anhört, wie zum Beispiel der Satz:  “Vergleichsweise hoch gewichtet hielten wir die ertragsstarke Genzyme. Von mehreren kleinen Werten trennten wir uns hingegen”.  In Wirklichkeit haben wir von der Firma Genzyme 600 000 Aktien im Werte von US$35,7 Millionen verkauft; das sind mehr als 25% unseres gesamten Bestandes der Aktien in dieser Firma.  Dass wir uns von “kleinen Werten” trennten, ist auch untertrieben wenn man bedenkt, dass wir von den verkauften Aktien der Firma INCYTE GENOMICS immerhin 1 200 000 Stück hatten,  und von BAXTER INTERNATIONAL 1 600 000 Stück. 

Warum wir erst nach viel Forschung und Analysen diese Aktien gekauft haben und uns nun schon wieder von ihnen trennen, meinte mein Chef, brauche ich nicht zu erklären.

Die erheblichen Gesamtverluste in unseren Fonds erklären wir einfach als einen “Rückgang in der Konjunktur” und einen “Einbruch” in den Börsenwerten.

Und wie einfach doch damals alles angefangen hat.  Ich war bei der Gründung des Biotechnologie Fonds von Anfang an dabei.  In der ersten Zeit haben wir sehr mit der marktforschung und PR Abteilung unserer Bank zusammengearbeitet.  Als erstes galt es zu untersuchen, wer unsere Zielgruppe ist – eine Nachforschungsarbeit, so ähnlich wie die, die wir damals in Opladen vorgenommen haben, um festzustellen welche Bank die geeignetste für uns war.  Unsere Marktforscher stellten fest, dass es Leute sind die schon etwas Geld haben, Mittelstand also, und die gerne am Aktienboom teilhaben wollen, aber etwas risikoscheu sind und deshalb lieber ihr Geld dort anlegen wo sie glauben, dass es sicher ist.  “Vertrauen, Vertrauen, Vertrauen, das ist das Schlüsselwort zu Ihrem Fonds” hatte der Chef der PR Abteilung zu uns gesagt. 

Der zweite wichtige Faktor, der sich durch die Publikumsuntersuchung herausschälte, war dass diese Leute keine Zinsen oder Renditen haben wollen, sondern langfristigen Wertwachstum.  Deshalb haben wir in unserer Werbung auch die Aussage darauf gestützt das Biotechnologie ein Gebiet ist in dem ganz auf Zukunft gesetzt wird.  Aktien in Firmen, die etwas entwickeln, was auf der ganzen Welt verkauft werden kann, und wenn das Produkt auf den Markt kommt und erfolgreicht ist, wird es grosse Profite geben und der Wert der Aktien wird steil in die Höhe gehen wie bei Pfizer und Viagra.

So wurde unsere Werbung auf die ausgemachte Zielgruppe genau zugeschnitten, “unsere Schäfchen”, sagte unser Abteilungsleiter damals immer.

Dem potentiellen Anleger teilten wir mit, dass es für den Fonds einen Einkaufs- und Verkaufspreis gibt.  Die Differenz ist etwa 5% und dient als unsere Vergütung für die Verwaltung des Fonds und die fachmännische Geldanlage in Unternehmen der Bio- und Pharma Sparte, die Potential für eine positive Zukunftsentwicklung in der Wertsteigerung haben.  Wir hatten Erfolg:  nachdem die Bank Euro 5 Millionen in die Werbung gesteckt hatte, entwickelte sich unser Fonds im Kapitaleinsatz von Euro 254 000 000,00 am 1. Januar 1999 auf Euro 2 985 000 000,00 am 1. Januar 2001, also um das elffache.  Da haben wir natürlich mit unseren 5% Verwaltungskosten fast Euro 150 Millionen ganz gut verdienen können.  Als sich das in den letzten Jahren änderte, haben wir beschlossen, dass wir jetzt irgendwie anders an unser Geld kommen mussten:  die Schafe, die im Kraal waren, mussten jetzt geschoren werden.  Ich hatte spasseshalber gesagt, wir sollten die neuen Gebühr “Anleger-abzokke” nennen, aber unsere PR Abteilung hat den schönen Ausdruck “Verwaltungsvergütung” erfunden (sie sagten das klingt bescheidener).  Und so kommt es, dass wir immer noch gut verdienen, auch wenn die Aktien absacken.  Das ist das schöne im Bankgeschäft, Du änderst einfach die Bedingungen, schreibst den Anlegern einen Computerbrief ohne Unterschrift und langst dann ohne weitere Fragen in den Topf. 

Auch eine Erklärung, warum die angeblich auf lange Sicht eingekauften Aktien nun plötzlich alle wieder verkauft werden sollen, braucht man weder dem Anleger noch irgend jemand anderem je zu geben. 

Du siehst, es lohnt sich nicht, draussen vor der Tür zu sitzen, wie wir damals in Opladen und sich mühsam mite in paar Bankrauben ein Taschengeld zusammen zu steheln.  Man muss hinein in die Legalität.  Im Rahmen von dem was das Gesetz erlaubt, gibt es viel mehr Möglichkeiten, und vor allem kein Stress und keine Tränen von alten Frauen, denen du ihr Gespartes wegnimmst, und vor allem ein viel angenehmeres Arbeitsumfeld.

Verstehst Du nun warum ich sage “Lieber Banker als Bankräuber”.

Viel Spass noch die nächsten zehn Jahre im Gefängnis.

Dein Investmentbanker

Anton Moneymaker

Andreas Vaatz – vaatz@iway.na